Whitepaper 5Xcellence PART 1

Warum die 5-Achs-Bearbeitung zu einer strategischen Kompetenz wird

Schwerpunkt

Whitepaper zum Thema Industriemarketing für Geschäftsführer und Produktionsleiter.

Zusammenfassung

Die fünfachsige Bearbeitung ist längst keine Nischenkompetenz mehr, die nur den Vorzeigebetrieben der Luft- und Raumfahrt oder Prototypenwerkstätten vorbehalten ist. Sie hat sich zu einer praktischen Antwort auf einen umfassenden Strukturwandel in der Fertigung entwickelt: Die Bauteile werden komplexer, die Losgrößen kleiner, die Vorlaufzeiten kürzer und die Qualitätsanforderungen lassen immer weniger Abweichungen zu. Für Geschäftsführer und Produktionsleiter stellt sich daher nicht die Frage, ob die fünfachsige Technologie technisch interessant ist. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob die derzeitigen Produktionsstrukturen ohne sie wettbewerbsfähig bleiben können.

Der strategische Vorteil der fünfachsigen Bearbeitung liegt in der gleichzeitigen Steuerung von Werkzeugposition und -ausrichtung. Dadurch lassen sich die Zugänglichkeit verbessern, die Anzahl der Umrüstungen reduzieren, der Werkzeugüberstand verkürzen, die Schnittbedingungen entlang komplexer Oberflächen beeinflussen und mehr Bearbeitungsschritte in einer einzigen Aufspannung integrieren. Das Ergebnis ist nicht nur eine bessere Geometriebearbeitung. Es ist ein völlig neues Betriebsmodell für die Bearbeitung: weniger Unterbrechungen, geringerer manueller Aufwand, straffere Prozessabläufe und eine gleichmäßigere Teilequalität.

Herausforderung für die Branche

In Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, der Medizintechnik, der Energiewirtschaft, dem Werkzeugbau und der modernen allgemeinen Zerspanung entwickelt sich die Produktgeometrie schneller weiter als die Produktionssysteme, mit denen sie hergestellt wird. Freiformflächen, tiefe Hohlräume, Hinterschneidungen, variable Wandstärken und komplexe mehrseitige Merkmale sind längst keine Seltenheit mehr. Die zugrunde liegenden Fachartikel dieser Reihe zeigen, dass der Bedarf an fünfachsiger Bearbeitung genau durch diese Faktoren bestimmt wird: wechselnde Oberflächennormalen, Zugangsbeschränkungen, Einschränkungen bei der Werkstückspannung und der Druck, mehr Bearbeitungsschritte in einer Aufspannung zu erledigen.

Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Produktion immer anspruchsvoller geworden. Kleine Hersteller müssen ihre Kapazitäten sichern und vermeiden, dass ihre Rentabilität von sehr arbeitsintensiven Rüstvorgängen abhängt. Größere Hersteller benötigen einen stabilen Durchsatz, vorhersehbare Qualität und die Möglichkeit, neue Teile einzuführen, ohne die gesamte Prozesskette neu aufbauen zu müssen. Diese Kombination aus Komplexität und wirtschaftlichem Druck macht die fünfachsige Bearbeitung von einer reinen Maschinenspezifikation zu einer Managementaufgabe.

Was sich durch die 5-Achs-Bearbeitung ändert

Bei der herkömmlichen dreiachsigen Bearbeitung wird die Werkzeugposition in den Achsen X, Y und Z gesteuert. Die fünfachsige Bearbeitung erweitert dies um zwei Rotationsfreiheitsgrade, wodurch das Werkzeug stufenlos relativ zum Werkstück ausgerichtet werden kann. In der Praxis ermöglicht dies den Herstellern, das Werkzeug an das Werkstück anzupassen, anstatt die Werkstückgeometrie an eine festgelegte Anfahrrichtung anzupassen. Die technischen Grundlagen werden in Band I anhand der Steuerung des Werkzeugmittelpunkts, der Koordinatentransformation und der Bewegungsplanung im sechsdimensionalen Posenraum beschrieben.

Dies ist von Bedeutung, da die Ausrichtung oft der entscheidende Faktor für die Wertsteigerung in der Fertigung ist. Ein optimierter Werkzeugwinkel kann das Kollisionsrisiko verringern, übermäßig lange Werkzeuge vermeiden, den Spanabtransport verbessern, die lokalen Schnittkräfte senken und für stabilere Schnittbedingungen sorgen. Für Produktionsleiter sind dies keine abstrakten kinematischen Vorteile. Sie wirken sich unmittelbar auf die Taktzeit, das Ausschussrisiko, die Standzeit der Werkzeuge und die Wiederholgenauigkeit des Prozesses aus.

Warum Hersteller umziehen

Der erste wesentliche Faktor ist die Reduzierung der Rüstzeiten. Jeder zusätzliche Spannvorgang bedeutet zusätzlichen Zeitaufwand, mehr Arbeitsaufwand und ein erhöhtes Risiko. Abweichungen bei der Positionierung, Fehler bei der Bezugspunktübertragung und manuelle Handhabung verursachen Kosten, noch bevor die Spindel einen Mehrwert schafft. Durch die fünfachsige Bearbeitung können mehr Merkmale in einer einzigen Aufspannung bearbeitet werden, wodurch sowohl die direkten Rüstzeiten als auch die versteckten Kosten durch Bezugspunktwechsel reduziert werden.

Der zweite entscheidende Faktor ist die Qualität. Komplexe Oberflächen werden häufig durch das Zusammenspiel von Bahngeometrie, Achsdynamik und Prozessstabilität eingeschränkt. Eine kontinuierliche Orientierungssteuerung ermöglicht einen sanfteren Werkzeugkontakt entlang schwieriger Konturen. Dies verbessert die Oberflächenqualität und trägt zu einer höheren Konturtreue bei, sofern das Prozessfenster entsprechend ausgelegt ist.

Der dritte Faktor ist die Flexibilität in der Fertigung. Ein Betrieb, der mit weniger Spezialvorrichtungen ein breiteres Spektrum an Geometrien bearbeiten kann, ist in der Lage, Angebote für ein vielfältigeres Teilesortiment abzugeben. Dies ist besonders dann von Vorteil, wenn die Auftragslage schwankt oder die Produktlebenszyklen kurz sind.

Typische Anwendungsbereiche und Branchenmerkmale

Die fünfachsige Bearbeitung gewinnt strategisch an Bedeutung, wenn eine oder mehrere der folgenden Bedingungen vorherrschen: Die Geometrie erfordert eine kontinuierliche Ausrichtung, Hinterschneidungen oder schwierige Übergänge müssen sicher bearbeitet werden, die Prozesskräfte müssen durch Vorschub- und Neigungswinkel beeinflusst werden oder der wirtschaftliche Druck erfordert eine Komplettbearbeitung in einer Aufspannung. In der Fachreihe lassen sich diese Bedingungen immer wieder bei Schaufeln und Laufrädern für die Luft- und Raumfahrt, medizinischen Implantaten, Form- und Werkzeugkavitäten, Energiekomponenten und komplexen Aluminiumkonstruktionen beobachten.

Deshalb lautet die beste Frage für das Management nicht: „In welchen Branchen kommt die Fünf-Achsen-Bearbeitung zum Einsatz?“ Die bessere Frage lautet: „Welche Teile in unserem Portfolio vereinen Zugänglichkeitsrisiko, Rüstaufwand, Qualitätsanforderungen und Wertdichte?“ Wo diese Variablen hoch sind, hat die Fünf-Achsen-Bearbeitung in der Regel einen überproportionalen Nutzen.

Überlegungen zur Umsetzung

Der Erfolg in der Fünfachsentechnik beginnt und endet nicht mit dem Kauf der Maschine. Er hängt davon ab, ob die gesamte Prozesskette darauf vorbereitet ist. Die Maschinenkinematik beeinflusst die Zugänglichkeit und die Steifigkeit. Kalibrierung und Kompensation bestimmen, wie sich geometrische und thermische Fehler auf die volumetrische TCP-Genauigkeit auswirken. CAM, Postprozessor und CNC-Architektur legen fest, ob der geplante Verfahrweg tatsächlich reibungslos ausgeführt wird. Und Werkstückspannung, Palettenstrategie und Werkzeugmanagement entscheiden darüber, ob die theoretische Maschinenleistung in wirtschaftlichen Output umgesetzt wird.

Aus diesem Grund sollte die Reihe eher als Entscheidungshilfe denn als isolierte Fachlektüre genutzt werden. Band II erläutert die Maschinenkinematik und das Strukturverhalten. Band III befasst sich mit Fehlerbudgets und Kalibrierungslogik. Band IV zeigt, wie Prozessintegration und Automatisierung zu wirtschaftlichen Multiplikatoren werden. Band V erklärt die NC-Ebene, die oft darüber entscheidet, ob programmierte Vorschubgeschwindigkeiten und Oberflächenziele in der Praxis realistisch sind.

Fazit

Die fünfachsige Bearbeitung ist von strategischer Bedeutung, da sie Komplexität reduziert. Sie wandelt schwierige Geometrien, fragmentierte Rüstvorgänge und instabile Prozessketten in ein stärker integriertes Produktionsmodell um. Der Vorteil besteht nicht nur darin, dass mehr Formen bearbeitbar sind. Der Vorteil liegt vielmehr darin, dass Qualität, Durchsatz und Flexibilität weniger von manuellen Korrekturen und Umgehungslösungen abhängig sind.

Für kleine Fertigungsunternehmen kann dies bedeuten, dass sie ihre Margen sichern und höherwertige Aufträge gewinnen können. Für größere Fertigungsunternehmen kann dies eine stabilere Produktion, geringere Prozessschwankungen und eine bessere Auslastung der vorhandenen Kapazitäten bedeuten. In beiden Fällen sollte die Fünf-Achsen-Fähigkeit als unternehmerische Entscheidung und nicht nur als technisches Merkmal betrachtet werden.

Literaturverzeichnis

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Autor:

CHIRON Group SE

Matthias Rapp

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